Erfahrungsbericht einer Krebsüberlebenden

20.12.2020

„Sie haben Krebs“

Dieser Satz klingt wie ein Todesurteil, das Ende aller Träume, der Anfang eines schmerzhaften Weges.

Die meisten Menschen haben Angst vor einer solchen Diagnose. Das ist nur natürlich, verbinden wir doch mit ihr lange, schmerzhafte Therapien. Vor unserem inneren Auge sehen wir Menschen mit fahler Gesichtshaut, dünne Körper ohne Muskeln und Köpfe ohne Haare.

Auch mir ist es so ergangen als ich vor acht Jahren die Diagnose Darmkrebs mit Lebermetastasen erhalten hatte. Die Diagnose hatte mir den Boden unter den Füssen weggezogen. Zu diesem Zeitpunkt konnte ich mir nichts Schlimmeres vorstellen als eine derartige Erkrankung. „Warum ich?“, „Was habe ich falsch gemacht?“, „Das ist doch ungerecht. Ich habe doch zwei kleine Kinder. Das darf nicht sein.“, waren meine ersten Gedanken. „Die Ärzte irren sich sicherlich. Die haben die Proben im Labor vertauscht“, waren die nächsten Gedanken.

Irgendwann jedoch war bei mir angekommen, dass alles stimmte. Ich war eine Krebskranke.

Immer wollte ich mehr. Ich wollte nicht nur einen Job. Ich wollte einen Beruf, der meine Berufung ist. Ich wollte nicht Familie oder Karriere, natürlich nicht. Ich wollte beides. Ich wollte kein langweiliges Leben. Nein. Ich wollte das volle, das satte, das ganze Leben.

Das hatte ich nun. Denn nun begriff ich, dass das, was ich unter „volles Leben“ verstand, das gesamte Leben mit allen Facetten war. Das gesamte Leben besteht nicht nur aus der Sonnenseite sondern auch aus der Schattenseite, dem Sturm und auch einem Orkan. Das Leben hat viel mehr zu bieten, hat viel mehr als ich mir damals vorstellen konnte. Die Rosinen im Kuchen schmecken nur, wenn auch Kuchen um sie herum ist. Sehr schnell verstand ich, dass ich die Situation nun anzunehmen habe. Ich entwickelte neue Glaubensmuster und nahm mir vor: Ich werde wachsen, werde neue Erfahrungen machen. Es werden Erfahrungen sein, auf die ich gern verzichten wollte, doch ich fing an zu verstehen, dass das Leben mehr mit mir vorhat. Wachstum tut weh und ich sollte nun weit über mich hinauswachsen.

Ich bekam nun also die Lizenz zum Wachstum – nur war mir nicht klar, wohin ich mich entwickeln sollte?

Während der Therapien war ich damit beschäftigt, meinen Körper zu regenerieren. Ich hatte vollstes Vertrauen in ihn. Ich gab ihm Vitamine, Mineralien, Bewegung und Ruhe. Ganz langsam kam er wieder zu Kräften.

Doch erst als ich anfing, mich mit meinem Innersten zu beschäftigen, kam ich in die Heilung. Schon im Krankenhaus fing ich an, zu meditieren. Früher war mir das immer zu langweilig gewesen. Doch im Krankenhaus, nach einer Operation konnte ich nichts Anderes tun. Ich fing an zu spüren. Häufig lag ich wach, konnte nicht schlafen. Die Medikamente hielten mich wach – auch später Daheim. Manchmal wusste ich nicht, ob ich in der Klinik oder Daheim war. Doch das Wachsein störte mich nicht. Ich machte mir Gedanken. Irgendwann fing ich an, diese Gedanken aufzuschreiben. Ich merkte, dass ich mein Leben selbst gestalten konnte. Ich bemerkte, dass das Leben nicht einfach so ablief, sondern, dass sich in meinem Leben alles um mich drehte, und dass ich die Richtung und Schwingung bestimmen konnte. Ich musste nur bewusster darauf achten. Das war es: Es ging um Bewusstheit, Wahrnehmung und Achtsamkeit.

Die Krankheit hat mich gelehrt bewusster zu leben, achtsamer mit mir selbst und den Menschen um mich herum zu sein. Früher wusste ich aus dem Verstand „nichts ist selbstverständlich“ doch nun wusste ich es mit dem Herzen. Die Dinge und das Leben können sich innerhalb einer Sekunde verändern.

Gefühle sind die Sprache unserer Seele doch leider verstehen so wenige von uns diese Sprache. Seit meiner Erkrankung übe ich mich in dieser Sprache und gebe meiner Intuition mehr Raum. 

Die Krebserkrankung ist ein Weltenöffner für mich gewesen. Der Krebs hat mich auf den Weg gebracht. Er hat mir gezeigt, dass ich mehr kann, mehr erreichen und mir mehr erlauben darf. Ich muss mich nicht so einschränken. Ich darf mehr Facetten von mir entdecken und auch leben. In mir ist mehr drin. Mein Leben ist heute facettenreicher, voller, bunter als vor der Erkrankung. Ja, es ist auch turbulenter, gefühlvoller und lauter, denn ich bin lauter. Ich habe gelernt, für mich einzustehen, zu sagen, was ich meine.

Ich bin heute eine bessere, eine vollständigere Ärztin als vor der Krankheit. Nur wer selbst Leid erfahren hat, kann das Leid des anderen spüren und nachempfinden. Um mehr Wissen zu erlangen, erlaubte ich mir, noch einmal zu studieren. Ich studierte Ayurvedamedizin, das Wissen vom Leben. Im Ayurveda wird der Mensch als Einheit von Körper, Geist und Seele verstanden. Alle drei Bereiche wirken miteinander und bedingen sich. Welch eine wundervolle Erfahrung, Wissen einzusaugen – ganz ohne Druck, ohne den Stress von Lernkontrollen wie früher. Auch dies war Freiheit.

Der Krebs war wie ein guter Freund, der sagt: „Wach auf. Ist dies das Leben, welches Du führen möchtest? Denke daran: Du kannst es selbst gestalten.“

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